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Held durch Haltung

Vor dem Hotel „Regina“ sind gleich mehrere Kameras aufgebaut. Zum Saisonauftakt im Weltcup wohnt in dem Viersternehaus am Ortsausgang von Sölden die österreichische Ski-Nationalmannschaft mit Alt-Stars wie Hermann Maier oder Benjamin Raich. Die Fernsehleute aber warten auf den neuen Star: Matthias Lanzinger. Er humpelt leicht und grinst. Statt der Teamkleidung trägt er eine grellorange Skihose und eine schwarze Jacke. Aber bereits das reicht dafür aus, die Lautstärke vor dem Hotel zunehmen zu lassen. Es kommt selten vor, dass Sportler nur wegen ihrer Haltung zum Helden einer ganzen Nation werden. Normalerweise zählen Siege. Aber der Fall Lanzingers ist eben ein ganz besonderer. Er hat nicht gejammert. Nicht, als sie ihm nach einem schweren Unfall auf der Piste im März den Unterschenkel amputierten, sodass seine Karriere als Skiprofi bereits mit 27 Jahren beendet war – in dem Moment, als er gedacht hat, sie gehe gerade richtig los. Und sogar das Gutachten, das bescheinigt, dass der Unterschenkel bei optimaler Versorgung wohl hätte gerettet werden können, trägt er mit Fassung. Nur ein einziges Mal haben die Landsleute ihn beinahe weinen sehen: Es war die Gala zu Ehren von Österreichs Sportlern des Jahres. Lanzinger erhielt den Sonderpreis für seine Tapferkeit. Als er seiner Freundin Eva danken wollte, dass sie inzwischen fast zehn Jahre lang zu ihm hält, klang seine Stimme plötzlich brüchig. Vermutlich trägt Lanzinger sein Schicksal deswegen mit so viel Würde, weil der Sturz nicht der erste schwere Schlag war, den er verwinden musste. Vor fünf Jahren verboten ihm die Ärzte nach einem Bandscheibenvorfall das Slalomfahren. 2004 dann, in dem Jahr, in dem Lanzinger ins Weltcupteam befördert wurde, nahm sich sein Vater das Leben. Der Vater hatte ein Leben lang als Maurer hart gearbeitet. Lanzinger redet nicht gern darüber, wie sein Vater „es psychisch nicht geschafft hat“. Aber er hat seine Lehre gezogen: „Materielle Sachen sind nicht das, was zählt.“ Seit dem Unfall im März sorgen eine private und eine Versicherung des Verbandes dafür, dass er sich keine allzu großen Sorgen um das Finanzielle machen muss. Im Juni bereits flog er mit seiner Freundin in den Urlaub nach Ägypten. Da hat er den Tauchschein gemacht, als wäre nichts gewesen. Nach der Heimkehr hat er in Abtenau bei Salzburg begonnen, ein Haus zu bauen. Fast jeden Tag verbrachte er im Sommer auf der Baustelle, auch in kurzen Hosen, sodass jeder die Prothese sehen konnte. Er hat ein Fernstudium in Event- und Sportmanagement an der privaten Universität Seekirchen begonnen und bei seinem früheren Skiausrüster Salomon eine Anstellung im Marketing gefunden. Und er war beim Amtsarzt, um den künstlichen Unterschenkel in den Führerschein eintragen zu lassen. Es grenzt an ein Wunder, wie schnell er sich seit Anfang April an die Prothese gewöhnt hat. Doch verändert sich der Beinstumpf noch innerhalb eines Jahres. Erst dann lässt er sich eine endgültige Prothese fertigen. Zurzeit denkt Lanzinger darüber nach, mit der dann wieder an Skirennen teilzunehmen, womöglich an den Paralympics in Vancouver 2010. Trotzdem sagt er, an die neuen Alltäglichkeiten müsse er sich erst gewöhnen: „Nicht den Fuß zu vergessen, wenn man duschen geht oder nachts aufs Klo.“ Humor ist seine Methode, das Mitleid anderer von sich fernzuhalten. Denn für die Österreicher füllt er das Vakuum an glaubwürdigen authentischen Sporthelden, das entstand, nachdem zuletzt ihre besten Langläufer und Biathleten, Marathonläufer oder Radprofis in Serie des Dopingbetruges überführt wurden. Außerdem ist sein Werdegang ein typisch österreichischer: Mit drei Jahren stand er mit den beiden älteren Schwestern das erste Mal auf Skiern, mit fünf nahm er am ersten Rennen teil, mit 14 ging er mit dem Ziel Profi auf das Skigymnasium in Stams, gewann Gold- und Silbermedaille bei der Junioren-WM 2000 in Quebec, stieg in den Europacup und 2004 in den Weltcup auf. In keinem anderen Land der Welt herrscht ein vergleichbarer Konkurrenzdruck unter Skirennläufern. Alpiner Skirennsport verlangt Mut. Steile Hänge, die weit über 100 Stundenkilometer Tempo bescheren – auf harten, vereisten Pisten, teilweise bei schlechter Sicht wegen Nebel, Schatten oder Schnee. Volles Risiko bedeutet da immer, mit dem Leben zu spielen. Lanzinger kannte diesen Einsatz. Wie alle anderen hat er versucht, ihn zu verdrängen. Der Ski-Weltverband Fis lässt seine Athleten einen Haftungsausschluss unterschreiben, doch ist dessen Wirksamkeit höchst umstritten. Die Föderation lässt den Rennläufern mit ihrer Monopolstellung de facto keine Wahl. Zudem kann so eine Klausel nie für Fälle von vorsätzlicher oder grob fahrlässiger Pflichtverletzung gelten. Dazu zählt, zwar mit den Skirennen zweistellige Millionenumsätze aus Sponsoring und Fernseheinnahmen zu machen, aber auf aus der Rasanz resultierende Unfälle wie den von Lanzinger ungenügend vorbereitet zu sein. Lanzingers Wiener Rechtsanwalt Manfred Ainedter hat bei dem unabhängigen Münchner Gefäßchirurgen Bernd Steckmeier ein Gutachten in Auftrag gegeben. Es dokumentiert, dass Lanzinger allen Grund hätte, verzweifelt zu sein, weil es zeigt, dass auf den Crash ein unglaubliches Chaos folgte. Der 2. März ist ein schöner Tag im norwegischen Kvitfjell. Die Sonne scheint, der Schnee ist optimal. Für Lanzinger steht beim Superriesenslalom- Weltcup viel auf dem Spiel. Er hat einige Rennen im Spätherbst wegen eines gebrochenen Daumens versäumt, obwohl er mit geschraubtem Knochen umgehend weiter um Weltcuppunkte kämpfte. Kvitfjell ist seine letzte Chance, sich für das Finale in Bormio zu qualifizieren. Als er sich mit der Nummer 30 aus dem Starthaus abdrückt, liegt sein Zimmerkamerad Georg Streitberger in Führung, der nie zuvor ein Rennen gewonnen hat. Lanzinger ist in Top-Form. Er habe den Druck gespürt, sagt er heute, sich aber auch auf die Fahrt gefreut, auf den großen Durchbruch gehofft. So startet er, die Ski liegen gut im Schnee. Er nimmt die ersten schwierigen Passagen perfekt und denkt sich: Nur nicht locker lassen. Dann sieht er die Kuppe vor dem Ziel, die einen Sprung verlangt. Er sagt sich: Den riskiere ich voll. Er will an Schwung gewinnen. Noch in der Luft spürt er, dass er es übertrieben hat. Er fliegt genau auf ein gestecktes Tor zu. Er weiß, er kann nicht mehr ausweichen. Er macht sich steif und rasiert nach 1:10,77 Minuten, mit 0,51 Sekunden Rückstand auf Streitberger, das Tor. An alles, was danach passiert, erinnert er sich nicht mehr. Es reißt ihn auf die Eispiste. Er verliert nur den rechten Ski. Die Bindung vom linken löst sich erst spät, als er sich das vierte Mal über die Längsachse überschlägt und dabei zuletzt gar mit dem ganzen Körper über den Ski rollt. Der linke Unterschenkel wirbelt so wild herum, dass er einmal fast um 180 Grad verdreht wirkt. Um 12.03 Uhr bremst der Fangzaun seinen Körper. Jetzt beginnt Lanzingers zweiter Wettlauf gegen die Uhr. Je schneller die Blutversorgung des Unterschenkels wiederhergestellt wird, desto größer ist die Chance, dass die Muskulatur nicht abstirbt und dass der Unterschenkel gerettet werden kann. Fünf Minuten nach dem Sturz trifft Lanzingers Mannschaftsarzt Florian Frisee zur Erstversorgung ein. Lanzinger hat neben schweren Beinfrakturen zwar eine Gehirnerschütterung und einen Nasenbeinbruch erlitten, ist aber ansprechbar. Er bekommt das Schmerzmittel Ketanest S, man zieht ihm den linken Skischuh aus und stabilisiert den Schenkel mit einer aufblasbaren Lagerungsschiene. Um 12.35 Uhr wird er mit einem Rettungsschlitten zum Hubschrauber gebracht. Aus dem für Rundflüge vorgesehenen Helikopter müssen eilig die Rückbänke herausmontiert werden, um den schwer verletzten Patienten befördern zu können. Die medizinischen Richtlinien der Fis sehen keine Voraussetzungen für die Ausstattung eines Helikopters vor, werden die Organisatoren von Kvitfjell Lanzinger später mitteilen. Um 12.50 Uhr startet der Rettungsflug endlich ins nächste Krankenhaus nach Lillehammer. Vor dem Rennen hatten die Veranstalter versichert, dort könnte bis auf Schädelverletzungen alles versorgt werden. Doch vor Lanzingers Gefäßtrauma kapituliert die Klinik. Sie müssen ihn nach Oslo fliegen. Der nächste Rettungshubschrauber ist erst eine knappe Stunde später verfügbar, daher wird ein Privathelikopter geordert. Um 16.20 Uhr, vier Stunden und 16 Minuten nach dem Unfall, beginnt die Erstoperation. Sie dauert acht Stunden und 15 Minuten. Gutachter Steckmeier rügt später Organisationsfehler und die Ulleval- Mediziner für Verstöße gegen Regeln ärztlicher Kunst: von einer falschen Diagnostik bis zu unterlassener Qualitätskontrolle. Der Operateur verwechselt bei der Rekonstruktion sogar die drei verletzten Unterschenkelarterien. Steckmeier schließt drei Kapitel in seinem vernichtenden Befund mit den Worten: „Es liegt ein Behandlungsfehler vor.“ Auch zwei weitere Operationen am nächsten Morgen führen keine Besserung herbei. Um eine Blutvergiftung zu vermeiden, droht die Amputation. Erst jetzt lässt man aus Salzburg den Gefäßspezialisten Thomas Hölzenbein einfliegen. Als der am 3. März, gut 31 Stunden nach dem Unfall, erfolglos versucht, Lanzinger zu helfen, muss bei einer fünften Operation am 4. März der Unterschenkel amputiert werden. Jetzt, da das Gutachten vorliegt, will Lanzingers Anwalt Ainedter für „ein paar Hunderttausend Euro“ Entschädigung kämpfen. Lanzinger weiß, dass das ein billiger Trost für sein verlorenes Bein ist. Er kämpft für mehr Sicherheit auf den Pisten. „Ich will für die Zukunft so etwas, wenn’s irgend geht, verhindern. Ich will, dass Versorgung vorhanden ist, dass solche Fehler bei keinem Zweiten passieren. Es reicht, wenn es mir passiert ist.“ Die Vergangenheit lehrt, dass die Fis ihre Sicherheitsvorkehrungen nur nach schweren Unfällen optimiert – wie nach dem Tod der Österreicherin Ulrike Maier 1994 bei der Weltcup-Abfahrt in Garmisch- Partenkirchen. Eilig haben die Funktionäre vorige Woche ein entsprechendes Paket vorgestellt: Reduzierung der Geschwindigkeiten, Maßnahmen bei der Kurssetzung, Regulierung des Materials, bestmögliche Ausrüstung. Matthias Lanzinger mag seinen Sturz bislang noch nicht ansehen. Fotos und Filme von seinen Erfolgen auf Skiern aber betrachtet er ohne Wehmut. „Es kommt Stolz auf, wenn ich Rennen von mir sehe, wie ich da abgefahren bin“, sagt er mit fester Stimme. „Schau, Lanzi, da bist du gewesen, mit den Besten bist du mitgefahren.“

© DIE WELT 2008